Seit zwölf Jahren teilt das Paar die Leidenschaft, die Welt per Van und Mountainbike zu erkunden. Und seit sieben Jahren ist dieses Lebenskonzept auch ihr Business. Sie erstellen MTB Spot Guides, veranstalten Camps oder Festivals. Es ist Arbeit, die sich nicht danach anfühlt. Genügend Freiraum, um Orte auf ihrer ganz persönlichen Bucketlist anzusteuern, bleibt dennoch selten. Dafür nimmt sich das Paar im letzten Jahr sechs Monate Zeit.
Von März bis August cruisen die beiden durch 16 europäische Länder. Durch manche nur zum Transit. Und falls nicht: Zeit, um maximal flexibel zu bleiben, haben sie. Gleich zu Anfang hält das Wetter in Nordeuropa die beiden länger in Südspanien und Portugal, als geplant. Es ist sonnig dort, aber teilweise bekanntes Terrain. Der Fokus ihrer Auszeit liegt auf Neuland für die Augen und unter den Rädern. Beide freuen sich auf Cornwall, Wales und Schottland, ganz besonders auf Norwegen. Das ist auch Neuland für ihren Franz-Peter. Es ist ein in Rosenheim gemeldeter Wahl-Bayer mit Nachnamen Fiat Ducato, in dem Claudia und Roman ihr Vanlife zelebrieren. Mit Power Station und Erweiterungstank, Solarpaneelen auf dem Dach, Kompressor-Kühlschrank wie Druckwasserpumpe, Warmwasserboiler und Außendusche sind sie mit ihm autark und irgendwie überall zuhause. Eine Einraumwohnung auf vier Rädern, die sich der 39-jährige Sport- und Freizeitmanager und die 36-jährige Sportwissenschaftlerin und Betriebswirtin clever ausgebaut haben.
In Franz-Peter logieren sie auf Camping- und Stellplätzen und, wo erlaubt, auch wild.
Local Trails statt Hotspots
Professionell gebaute Bike Hot Spots sind weniger ihr Ziel. Es sind die Local Trails, die von den Bike Communities vor Ort ausgekundschaftet und eingefahren worden sind. „Da ist nichts ausgeschildert, nur wenig kartiert, man folgt einfach dem Trail und dem eigenen Instinkt“, beschreibt Roman das Spannende dabei. Recherchiert haben sie die Spots über Plattformen der Szene. Unzählige davon und alle nicht weit voneinander entfernt, entdecken die beiden in Großbritannien. Allein in Schottland verweilen sie selten zwei Tage an einem Ort. Die Dichte der qualitativ hochwertigen Local Trails überrascht sie komplett. „Die sind total stimmig, schwärmt Roman, „einfach schmale, gut eingefahrene Single Trails mit unglaublich schönem Rhythmus.“
Nach dem trocken-sandigen Boden spanischer und portugiesischer Trails, fühlt sich das Erdige der Insel wie eine andere Welt an. Natürliche Linien, die sich durch endlos scheinende Felder aus Farn schlängeln oder durch lilafarbene Heideflächen, wie sie in den Moorlandschaften der Midland Highlands genauso zu finden sind wie dunkle Seen umgeben von Fels oder saftgrünen Hügeln. Claudia ist schockverliebt in die Landschaften rund um Aviemore, Ullapool, Forest of Ae oder mitten im Cairngorms Nationalpark. Vor allem begeistert die Wucht der Farben, die hier frischer, vitaler leuchten. Das mag einer höheren Feuchtigkeit geschuldet sein. Regen erleben die beiden in gut zwei Insel-Monaten regelmäßig. Doch meist ist es leichter Sprühregen, der den Boden nicht aufweicht. Keine Pfützen. Kein Matsch. Keine wilde Rutschpartie.
Überrascht sind Claudia und Roman auch von der Offenheit und Freundlichkeit der Menschen. Selbst für die Szene sei es eher selten, dass man auf den Trails angesprochen und sofort zu einer kleinen Feierabendrunde eingeladen wird, wie ihnen das nahe des Dyfi Bike Park auf den Local Enduro Trails passiert. Spaziergänger leinen wie selbstverständlich ihre Hunde an, grüßen freundlich in den Van und empfehlen Trails in der Nähe, die die beiden noch gar nicht auf dem Schirm haben. Nicht jede Unterhaltung auf der Insel sei leichte Kost, erzählen sie schmunzelnd. In Wales und Schottland sind sie nicht nur einmal „Lost in Translation“.
Norwegen als Höhepunkt
Trotz aller neu gewonnenen Liebe zu Großbritannien, ist Norwegen im Gesamtpaket das Highlight ihres Roadtrips. Da sind sich beide einig. Selbst wenn Mountainbiken dort ein bisschen abenteuerlich sei, sagt Claudia und erklärt, wieso: „Oft gibt’s keine Forstwege zum Hochfahren, man schiebt oder trägt das Bike den Trail hoch, den man danach wieder damit abfährt.“ Die Community rund um Oslo ist sofort Heimat für die beiden. Auch wenn die Mondlandschaften in Reinnesfjellet bei Pundsletta im Norden Norwegens in der Top Ten ihrer schönsten Bike Terrains einen festen Platz haben, finden sie den Süden im Land der Trolle und Wikinger zum Mountainbiken attraktiver. „Diese Trails haben uns ein wenig an die auf der Insel erinnert“, vermuten beide. „Nur der Anteil der Nadelhölzer ist höher, der Waldboden dadurch viel lockerer und total weich, einfach wie gefedert.“ Claudia schwärmt von den teils epischen Abfahrten mit Fjordblick, vom Biken am Wasserfall in Skrelifallan, dem Wechselspiel von flowigen und anspruchsvollen Passagen. Fast jeder Trail bietet spektakuläre Natur und irre Ausblicke, nur keine Nordlichter. Zumindest in dieser Jahreszeit nicht. Dafür ist das Licht zauberhaft. Der Sommer im Norden ist nicht so heiß, die Sonne scheint nicht so aggressiv. In diesem Licht wirkt Landschaft wie gepudert, man schaut durch einen natürlichen Filter.
„Mag sein, Schottland und Norwegen haben uns vielleicht auch deshalb so sehr fasziniert, weil wir dort noch nie waren“, denken beide. Dennoch: Portugal bleibt Teil der persönlichen Favoriten. Vor allem die Strecken rund um Figueira da Foz, die direkt am Meer verlaufen, oder jene im Norden in Terras de Bouro mit ihren charakteristischen runden Granitfelsen, die wie riesige Bowlingkugeln mitten in die Landschaft gekegelt scheinen.
Kuklturschocks für Zwischendurch
Doch vom Gros der Trails, die im Süden Portugals kartiert sind, sei nur ein Bruchteil wirklich schön, finden beide. Es fehle etwas Charakteristisches, etwas, an das man sich erinnere. Erinnern werden sie sich noch lange an Joao aus Portugal, Rune und Maria aus Oslo oder Scott vom Bike Hersteller Atherton, der ihnen in Wales über den Weg gefahren ist. Tierische Begegnungen hatten sie für ihren Geschmack zu wenige. Ein Elch wollte sich in ganz Norwegen nicht zeigen. Und Rentierherden entdecken sie erst nach der Grenze zu Finnland. Den „Herden“ an Menschen gehen Claudia und Roman aus dem Weg. Franz-Peter sei Dank, fällt das leicht. Sind Ersatzteile für die Bikes unterwegs nicht leicht zu bekommen, werden sie von Stefans Bike Laden in Ampfing mit selbigen per Post versorgt. Dafür harren sie einmal in Mont Saint-Michel aus, der monumentalen Abtei auf einer Insel. Es ist eine der größten touristischen Magnete Frankreichs mit Menschenmassen, die sie nur ein weiteres Mal so geballt erleben, und zwar auf der Fähre von Helsinki nach Tallinn. Zwei Stunden Überfahrt mit Kreuzfahrtschiff-Charakter. Clubs, Restaurants, Shopping Meilen, Cocktailbars mit DJ Dancefloors auf unzähligen Decks. „Wie im falschen Film“, erzählt Roman kopfschüttelnd.
Der richtige Film mit der richtigen Kulisse ist für Van-Nomaden die Natur. Und davon haben Claudia und Roman nach ziemlich genau 20.000 gefahrenen Kilometern viel Unterschiedliches auf dem Kontinent gesehen. Manches sicher nicht zum letzten Mal.