Wenn das Lyngen-Abenteuer am Bahnhof beginnt

Entschleunigung pur: Mit Bahn und Bus von Stuttgart nach Tromsø

von Sandra Holte

Mein Erlebnis startet Anfang April in Stuttgart am Hauptbahnhof. Dank einer Direktverbindung komme ich so recht zügig nach Hamburg. Ich habe etwas Puffer eingebaut…man weiß ja nie. So gehe ich in der Nähe des Bahnhofs noch gemütlich etwas essen. Der dänische Snålltåget, der mich nach Stockholm bringen wird, ist ein etwas älterer Zug, der einem IC ähnelt. Nachdem ich mich an meinem Platz eingerichtet habe, putze ich noch geschwind die Zähne und falle auch alsbald in den Schlaf. Leider gab es zum Zeitpunkt meiner Buchung keine Betten mehr, weshalb ich mich mit einem Sitzplatz begnügen muss. Ich gebe zu, etwas unbequem ist das schon. Nächstes Mal also früher buchen! 

Die Buchung ist nicht trivial 

Apropos, die Buchungssystematik ist nicht ganz trivial, so muss man entweder auf Einzeltickets der verschiedenen Verkehrsunternehmen zurückgreifen. Oder man holt sich ein Interrailticket und bucht jeweils den Aufpreis für die Nachtzüge. Der Kundensupport von Interrail und den beiden Bahnunternehmen war hier Gold wert. Bewusst hatte ich das Interrailticket gewählt, da dieses die besseren Stornierungsoptionen versprach. Spannend ist, dass man nur die Tage bezahlen muss, an denen man mit dem Nachtzug losfährt. Für den Ankunftstag wird – sofern nicht noch weitergefahren wird – kein weiterer Tag berechnet. Bei langen Fahrten kann man also ordentlich sparen.
Doch zurück zur Reise. Am nächsten Morgen werde ich von der auf dem Meer reflektierten Sonne aufgeweckt. Wir fahren gerade über die fast acht Kilometer lange Öresundbrücke – rechts und links sieht man: Wasser. Ein herrlicher Start in den Urlaub! Kurz danach haben wir einen geplanten Aufenthalt von 30 Minuten in einem mittelgroßen Bahnhof – ausreichend Zeit zum frisch machen auf der ordentlichen und sauberen Bahnhofstoilette sowie einen Besuch beim Supermarkt.

Zeitreise im Bordrestaurant

Zurück im Zug statte ich dem Bordrestaurant einen Besuch ab, um mir einen Kaffee zu holen. Wow, was für eine Zeitreise. Liebevoll sind die Tische gedeckt und mit nostalgisch anmutenden blaugrünen Lampen ausgestattet. Spätestens jetzt befinde ich mich voll und ganz im Urlaubsmodus.
Am späten Vormittag erreichen wir schließlich Stockholm. Etwas widerwillig gebe ich mein Boardbag am bewachten Gepäckschalter ab. Stolze 30 Euro kostet die Aufbewahrung für ein paar Stunden an einem Sonntag. Auf der Rückfahrt werde ich auf jeden Fall einen der dann geöffneten Shops in der Nähe aufsuchen, die die Gepäckaufbewahrung als Zubrot für nur 12 Euro anbieten. Doch die Abgabe ermöglicht mir einen kleinen Stadtbummel. Bereits am Nachmittag geht es wieder weiter: Der nächste Nachtzug, der Arctic Circle Train, nach Narvik wartet auf mich.

Zu sechst im Liegeabteil

Nach der vorherigen Nacht bin ich sehr froh, diesmal ein Bett zu haben. Ich teile mir später ein Liegeabteil mit fünf weiteren Personen. In Stockholm sind wir aber erstmal zu dritt. Nachdem die Ski und mein Board im dafür vorhandenen Aufbewahrungsraum am Ende des Waggons verstaut sind, erhalten wir Besuch. Die beiden Schwedinnen reisen nicht allein. In einem anderen Abteil sind ihre Freunde untergebracht, die nun zu uns gekommen sind. Mir wird direkt ein Bier zum Anstoßen in die Hand gedrückt und ich werde eingeladen, mit ins Bordrestaurant zu kommen, um dort etwas zu spielen. Am meisten beeindruckt mich, dass alle sofort und ohne Probleme nur noch in Englisch miteinander sprechen, sodass ich nicht ausgegrenzt werde. Im Bordrestaurant angekommen staune ich erneut: Hier steppt der Bär. Das Restaurant ist vielmehr als ein Ort, wo man Speisen verzehrt. Viele haben noch nicht einmal etwas zu essen bestellt. Man sitzt und lacht, isst und trinkt, oder spielt. Das nenne ich mal einen positiven Kulturschock! Später steigen noch drei weitere Damen in unser Abteil und wir richten uns für die Nacht ein. 
Ich schlafe wunderbar in diesem eigenen Bett und freue mich, dass die Reise bisher so kurzweilig ist. Immerhin bin ich insgesamt zweieinhalb Tage unterwegs. War gerade die Strecke der Länge nach durch Schweden doch eher eintönig, so wird es nun endlich spannender. Wir fahren durch Lappland und dann über den Bergwerksort Kiruna, wo die Piste quasi bis zum Bahnhof führt, und den Freeride-Ort Abisko hinüber nach Norwegen. Der Abschnitt zwischen Abisko und Narvik wird zurecht als eine der schönsten Bahnstrecken Europas bezeichnet. Die schneereiche Berglandschaft geht über in eine zunächst enge, später weitere Schlucht. Die Bahntrasse wirkt fast so, als ob sie jemand an den Fels geklebt hätte. Spektakuläre Aussichten locken alle an die Fenster. Diese faszinierende Strecke ist mit ihren ca. 1,5 Stunden auf die Gesamtfahrzeit von 18,5 Stunden gesehen leider recht kurz. Ich freue ich mich, bald in Narvik auszusteigen, bin ich doch meinem Ziel wieder ein gutes Stück näher.

Ab Narvik in den Bus

Nach einer Fika mit Kaffee und Zimtkringel im Bordrestaurant wechsle ich nun das Verkehrsmittel. In Narvik steige ich auf den Bus um, der mich bis Tromsø bringt. Ich suche mir einen Platz ganz vorne im Reisebus und genieße die Aussicht, die mich auf die bevorstehenden Tage einstimmt. Pünktlich kommen wir in der für ihre vielen Outdoorsportarten bekannten Stadt im hohen Norden an. Der Stadtbus bringt mich rasch zu meiner Unterkunft für diese Nacht. Am nächsten Morgen werde ich die restlichen Splitboarder treffen. Im gemieteten Kleinbus geht es dann nach einer kleinen Aufwärmtour auf den Hausberg gemeinsam weiter in die Lyngenalpen, wo bei Traumwetter und langen Tagen Touren wie aus dem Bilderbuch auf uns warten. Tatsächlich empfiehlt sich hier ein Auto, um in Kombi mit den zahlreichen Fähren die Optionen zu erweitern. Die Lyngenalpen bieten mit ihrer atemraubenden Landschaft Touren für alle Levels.

Bilder: Sandra Holte, Nadine Unger