Es geht nicht viel über das Gefühl, früh morgens mit Tourenskiausrüstung durch das hektische Pendler-Getümmel am Bahnhof zu schreiten. Die Aussichten für die nächsten Tage sind jedenfalls prächtig – und außergewöhnlich. Wenn der Weg das Ziel ist, bin ich bereits ein Stück weit angekommen, als sich die Türen des Intercitys nach Zürich vor der Abfahrt am Bahnhof in Böblingen schließen. Die Vorfreude auf die dreitägige Skitourenreise, bei der Bahn und Bus ganz neue Möglichkeiten eröffnen, ist groß. Der Plan: mithilfe von Öffentlichen Verkehrsmitteln eine so gut wie nie begangene Skidurchquerung zu gehen.
Aus Chur in eine andere Welt
Am Bahnhof in Chur treffe ich auf Ben Wiesenfarth, unseren Fotografen und Begleiter auf dieser Reise durch Graubünden. Er hat sich am Morgen von Konstanz aus auf den Weg gemacht. Wir steigen in das Postauto Richtung Splügen, wechseln in Andeer die Linie und sind spätestens jetzt in einer anderen Welt – mitten in den Bergen, weg aus der Hektik des städtischen Alltags. Kehre für Kehre schraubt sich der Bus auf dem Sträßchen durch das idyllische Hochtal in der Viamala-Region hinauf.
Das Avers ist ein Paradies für Skitourengeher und trotzdem nicht überlaufen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es hier nur wenige Gästebetten gibt und die Anreise aus dem Tal seine Zeit braucht. Gut für das Tal, gut für uns. Wir verbringen die Nacht am Ende der Straße im Hotel Bergalga auf knapp 2000 Meter. Am Abend besprechen wir die Tour mit unserem Bergführer Kasimir Schuler von der Bergsportschule Grischa, genießen ein üppiges Abendessen und nach einem Glas Rotwein aus der Bündner Herrschaft schlafe ich zum Glück in Rekordzeit ein. Schließlich ist um 6 Uhr morgens Abmarsch. Wir haben einiges vor. Zunächst warten gute 1100 Höhenmeter im Aufstieg. In der Morgendämmerung geht es sanft ansteigend durch das Tal. Wir sind um diese Zeit noch allein auf weiter Flur: „Das bleibt einsam“, sagt Kasimir Schuler, der im Tal einen Bio-Bauernhof betreibt. Dort, wo wir heute mit Ski unterwegs sind, weidet im Sommer sein Vieh. Einen besseren Guide kann man sich für diese Unternehmung also nicht vorstellen.
Obwohl er in der Region praktisch jeden Stein kennt, ist die heutige Tour auch für ihn eine Besonderheit: „Ich bin mir nicht sicher, ob die Abfahrt vom Gletscherhorn nach Casaccia dieses Jahr überhaupt schon mal befahren wurde“, sagt Schuler. Das liegt keineswegs an der Qualität der grandiosen Route mit ihren rund 1.700 Höhenmetern, sondern schlicht daran, dass der Rückweg ins Avers eine langwierige Angelegenheit ist.
Schritt für Schritt aus dem Schatten
Bis zur epischen Abfahrt haben wir allerdings noch einige Höhenmeter vor uns. Der Hang wird steiler und wir arbeiten uns Schritt für Schritt aus dem noch schattigen Bergalgatal Richtung Gletscherhornsattel (2987 Meter) vor. Die Aussicht auf dem überwechteten Grat ist grandios. Im Osten die Bernina-Gruppe, im Südosten das Bergell mit seinen imposanten Spitzen. Das Wetter am Gipfel ist perfekt. Sonnig, nicht zu windig und nicht zu warm.
Ein Steilhang eröffnet die grandiose Abfahrt
Die gut 1.100 Aufstiegshöhenmeter sind geschafft. Am Gipfel genießen wir Brote mit Bergkäse, Wurst von Kasimirs Bio-Bauernhof und Trockenfrüchte zum Nachtisch – ansonsten staunen wir über die unglaubliche Rundumsicht. Die Kalorien der herzhaften Kost werden wir noch brauchen, denn der Aufstieg war bei dieser Tour nicht das Anstrengendste – und natürlich auch nicht das Spektakulärste. Die Felle sind im Rucksack verstaut, die Tourenschuhe im Abfahrtsmodus. Die Abfahrt ins Bergell nach Casaccia am Fuße des Septimer- und Malojapasses kann beginnen. Vom Gipfel geht es zuerst auf dem Grat zurück zum Gletscherhornsattel. Zeit zum Warmfahren bleibt nicht. Der erste Osthang ist mit rund 45 Grad gleich richtig steil – und traumhaft schön.
Weit und breit nicht eine Spur
Spuren sind weit und breit keine zu sehen – zumindest keine menschlichen Ursprungs. Die Kulisse um uns herum ist unglaublich, der Schnee im oberen Bereich noch exzellent. An den Osthängen hat sich der Pulver gehalten. Der gesamte Kessel ist ein riesiger Spielplatz. Wir schwingen mal flacher, mal steiler über kleine Grate und durch weite Mulden, springen über kleine Wechten und halten immer wieder inne, einfach um die Aussicht zu genießen. Ich nehmen jeden Moment dieser Abfahrt in mir auf - ein mehr als exklusives Erlebnis in einsamer Natur – fast vor der Haustüre, im eigentlich dicht besiedelten Mitteleuropa. Was braucht es dazu? Die passenden Verhältnisse, idealerweise einen guten Bergführer, die entsprechende Ausrüstung, etwas Kondition und eine ordentliche Skitechnik im Gelände. Letztere wird mit abnehmender Seehöhe immer wichtiger. Oberhalb des Lägh de la Duana weichen Powder und lockerer Altschnee widerspenstigem Harsch und Sulz. Zudem wird das Gelände flacher – und die Sonne heizt uns kräftig ein, langsam aber sicher werden die Oberschenkel schwer. Wir haben noch rund acht Kilometer Abfahrt vor uns. Ein paar Highlights warten noch. Schöne, aufgefirnte Hänge in östlicher und südlicher Richtung.
Wie von einer anderen Welt
Dazwischen heißt es teilweise schieben. Der nasse Schnee saugt und bremst. Zwischen riesigen Steinblöcken bahnen wir uns den Weg. Eine Landschaft, als sei sie nicht von diesem Planeten. Die im Winter verlassende Alpe Maroz Dent holt uns langsam ins Hier und Jetzt. Zum Abschluss gleiten wir auf einem kleinen Forstweg bis ins Tal nach Casaccia. Gut so, die letzten Kraftreserven sind verbraucht. In Casaccia herrscht bereits Frühling. Schnee ist hier nur noch in Resten vorhanden. An der Bushaltestelle geht der Blick zurück ins einsame Tal, durch das wir gerade abgefahren sind – eine unglaubliche Tour. Jetzt bringt uns der Postbus zu unserer Unterkunft nach Maloja. Das exzellente Essen im Ristorante Bellavista schmeckt nach dieser Tour noch eine Spur besser. Im Bett lasse ich den Tag noch einmal Revue passieren - gestern bin ich zuhause in den Zug gestiegen, doch gedanklich schon seit Ewigkeiten auf Reisen. Ganz weit weg - obwohl es gerade mal 260 Kilometer Luftlinie sind.
Ein echtes Abenteuer
Am nächsten Morgen versteckt sich die Sonne hinter den Wolken. Der Wind weht aus Süd und hat Sahara-Staub im Gepäck. Die Aussicht ist also deutlich schlechter als tags zuvor, trotzdem ist auch die Tour über den Pass Lunghin nach Bivio ein ganz spezielles Erlebnis. Im Aufstieg ebenso einsam in einer ganz speziellen Stimmung. Der markante Piz Badile im Bergell sieht bei diesem Wetter noch einen Tick spektakulärer aus. Im Rücken haben wir den Silvaplanersee. In nordwestlicher Richtung stapfen wir mit mäßiger Geschwindigkeit Richtung Lunghin-Pass. Der Vortag steckt uns noch in unsern Knochen. Am Lägh dal Lunghin sind 800 Höhenmeter bewältigt. Wir entscheiden uns gegen eine Gipfelbesteigung auf den Piz Lunghin (2780 Meter) oder den Piz dal Sac (2720 Meter). Das Wetter wird von Minute zu Minute schlechter und der Schnee sieht zwar auf den ersten Blick gut aus, hat aber einen unschönen Harschdeckel, der wenig zusätzliches Abfahrtsvergnügen verspricht. Bleibt also die finale Abfahrt nach Bivio - 900 Höhenmeter über weite Hänge in überwiegend flachem Gelände. Wir genießen die mühelosen letzten Schwünge und holen uns im kleinen Lebensmittelladen ein kühles Radler. Am Dorfbrunnen in Bivio endet der sportliche Teil einer wunderschönen Reise, ehe es mit dem Postauto nach Chur und mit dem Zug über Zürich wieder zurück in die Heimat geht.
Zeit für ein Fazit: Es gibt in unseren Breiten noch echte Abenteuer. Man muss sich nur auf sie einlassen.