„Einsteigen, Türen schließen!“ Noch ein Pfiff des Schaffners, und der Zug rollt aus dem Salzburger Bahnhof. In gut zwei Stunden wird Pauli in Innsbruck in den FlixBus nach Garmisch-Partenkirchen umsteigen. Weitere zwei Stunden später wird sie wieder zuhause in Oberammergau sein. Irgendwie surreal. So schnell. Nicht mal ein Tag dauert die Rückreise von Grado an der Adriaküste, aber dreieinhalb Wochen brauchte ihre Hinreise. An einem postkartenblauen Julimorgen ist sie auf dem Einrad von ihrem „O-Gau“ aus losgeradelt. Pauli fährt immer von „dahoam“ los. Das gibt ihr ein präziseres Gefühl für die Distanz, die sie davon entfernt ist. Zwei Jahre zuvor überquerte sie die Alpen bis an den Gardasee. Aber in diesem Sommer durfte es etwas „Meer“ für sie und ihr Einrad sein.
Das Zugabteil rattert. Draußen zieht die Landschaft vorbei und vor Paulis innerem Auge ihre Reise, ihre Erlebnisse und Begegnungen auf den 700 Kilometern durch drei Länder. Sie denkt an den Fernsteinsee, an die bunten Tretboote in seinem dunkelgrünen Wasser, die das Hübscheste am Fernpass sind. Den hatte sie nach zwei Tagen erreicht. Es war eine gute Entscheidung, dem Inntalweg Richtung Kufstein zu folgen, bestätigt sie sich. Auf ausgebauten, geraden Strecken kommt sie leichter in den Flow. Allein das Aufsteigen mit einem 35 Liter Rucksack auf dem Rücken und zwei Dry Bags über dem Gepäckträger, der unterhalb ihres Sattels montiert ist, muss sich erst wieder einspielen. Genau wie ihre Tagesstruktur. Paulis Radeltage beginnen um 7 und enden spätestens um 15 Uhr. Ab dann hält sie Ausschau nach einem Platz, wo sie ihr Zelt aufschlagen oder unter welchem Dach sie schlafen kann. So wie bei ihrer Tante Anita, für die sie gerne bei Kufstein einen Schlenker nach Bad Endorf einbaut. Pausen erlaubt sich Pauli immer. Auch Badepausen wie am Chiemsee. Es ist Sommer, und sie fährt schließlich kein Rennen. Höher, schneller, weiter liegen ihr fern. In den ersten Tagen einer Reise sowieso. Dann radelt sie nicht so sehr mit offenen Augen, vielmehr meditativ, mit dem Blick nach innen, sucht eher Abstand als ein Gespräch.
Das fünfte Rad
Kurz vor Salzburg ändert sich das. Laut singend überholen sie zwei junge Männer. Mit ihren 7-Gang-Rädern samt vollbepackten Anhängern sind Luke und Marein von ihrer Heimat Holland aus nach Griechenland unterwegs. Die knallbunt gekleidete Einradlerin weckt ihr Interesse. Sie bremsen. Ein gemeinsames Foto und zwanzig unterhaltsame Minuten später ist Pauli wieder allein. Zumindest zunächst. Am Grenzübergang nach Österreich trifft sie die beiden erneut. Man einigt sich auf ein gemeinsames Frühstück am Inn. Pauli stiftet getrocknete Datteln, Schokocreme und Erdnussbutter. Die beiden Männer zu Joghurt, Bananen und Waffeln auch die Information über Warmshowers. Es ist eine Plattform, über die Radreisende eine kostenfreie Übernachtung bei ortsansässigen Radfahrern finden. Zu dritt buchen sie sich bei Lena in einer WG in Salzburg ein und kochen Nudeln mit Zucchini- Pesto. Lena erzählt von ihrer Radreise in den Iran, die Gäste von ihren Plänen.
Pauli ist nachhaltig von dieser Offenheit und Gastfreundschaft beeindruckt. Sie beschließt, selbst Host zu werden, sobald sie zurück ist.
Unvergessene Momente
Viele Momente in Salzburg bleiben unvergessen. Der Inder mit Turban, der sie an der Salzach auf „Boarisch“ anspricht. Oder die Traube lachender Kids, als sie im Park ihre Faltkarte aufklappt. Auch wenn Pauli im wahrsten Wortsinn das fünfte Rad in diesem ungewöhnlichen Trio mit Luke und Marein war, kam sie sich nie als solches vor. Kurz nach Salzburg fährt sie allein weiter, immer Richtung Adria. Die beiden hatten viele Meilen mehr vor der Brust. Lustigerweise landen sie nicht auf zwei 7-Gang-Rändern in Griechenland, sondern auf einem Tandem in der Türkei. Dank Social Media bleibt Pauli informiert. Sie fühlt sich bestätigt darin, dass es nicht auf das Ziel, sondern auf den Weg und die Gefährten ankommt. Ihr Zug verlangsamt das Tempo. Sie scheint kurz vor Innsbruck zu sein. Sie erkennt die Gipfel der Nordkette. Pauli liebt das Wechselspiel von Bergen und Tälern. Im Gasteinertal war dieser Wechsel besonders wild. Im Nationalpark Hohe Tauern darf das auch so sein. 1.800 Quadratkilometer groß ist er, mit 266 Dreitausender Gipfeln, liest sie sich nebenbei an. Sie hat Netz im Zug und damit Google. Dass sie durch die geologische Geschichte der Alpen geradelt ist, macht sie noch im Nachhinein ehrfürchtig. Bad Gastein jedenfalls, erinnert sie sich, ist ein einziges Bergauf, bei dem selbst E-Biker schieben. Viele davon hat sie gesehen. Auch viele Wanderer. Besonders am Wasserfall in der Ortsmitte, über den die Ache 340 Meter in die Tiefe stürzt. Vor dieser Kulisse wird Pauli mehr als einmal um ein gemeinsames Foto gebeten: von einer Gruppe Landfrauen über Japaner bis zur Großfamilie eines Scheichs. Die meisten von ihnen wandern hoch zum Bergsee. Paulis Route führt hinunter, über die kurvenreiche Hauptstraße zum Bahnhof Böckstein. Das ist ihr Tor nach Tarvisio im italienisch-österreichisch-slowenischen Dreiländereck, dem Tal der vielen Tunnel. Während sie in Innsbruck auf den FlixBus wartet, denkt sie sich zurück vor das Bahnhofsgebäude, das wie aus der Zeit gefallen wirkt. Als sie dort ankommt, sitzen ein paar müde Gravel Biker im Gelände verteilt, wenige Autos stehen an der Verladerampe. Sie alle warten auf den nächsten Zug, der von 6 bis 23 Uhr stündlich die Passage durch sieben Kilometer Fels nach Mallnitz erlaubt. Pauli vergegenwärtigt sich ihre Unterhaltung mit dem Ticketverkäufer, der sie und ihr Einrad ausgiebig mustert: „I hob koane hoibate Radltickets“. Beide lachen und letztlich checkt Pauli mit einem Ticket ein, auf dem „0 Euro“ stehen. Noch so eine wunderbare Begegnung. Davon hatte sie so viele auf dieser Reise. Besonders auf den letzten Etappen. Bei Claudia und Gianni aus Pavia findet sie Obdach vor einem schweren Gewitter, als kein Hotelzimmer frei und kein Einkaufsladen mehr geöffnet ist.
Oder Lorenzo aus Tricesimo, der Mann mit dem Gesicht und Lachen einer Kasperle Handpuppe. Bei ihm bucht Pauli ihre erste Warmshower allein und übernachtet in dessen Werkstatt, in der der Präzisionsmechaniker tagsüber Fahrräder pimpt, die er im Müll gefunden hat. Er selbst reist nicht. Die Welt kommt zu ihm. Wo heute eine Bayerin schläft, lag gestern ein Neuseeländer und morgen wird es ein Paar aus Kanada sein. Wie Lorenzos Werkstatt haben auch andere Orte auf Paulis Reise mit der Zeit zu neuer Bestimmung gefunden. So ist die alte Bahntraße bei Chiusaforte nun ein geteerter Radweg und deren Bahnhofsgebäude ein Sozialraum für Biker, das alte Geschichte aus- und neue Geschichten einatmet. An solchen Orten hinterlässt Pauli gerne einen ihrer Aufkleber #meinsportmeinleben oder #ichkämpfefürtoleranz.
Der FlixBus erreicht heimatliches Gebiet. Pauli entdeckt die Loisach, die auch durch Garmisch-Partenkirchen fließt. Sie bedauert, dass deren Wasser nicht so leuchtend Türkisblau ist, wie das des Tagliamento, der bei Grado in die Adria fließt. Am längsten, unregulierten Wildfluss Europas löffelt sie die letzten Gramm Erdnussbutter, ihre Geheimwaffe für Alpenüberquerungen, und isst dazu ihre „Rumfort-Küche“ – also alles, was in ihrer Vesperbox rumliegt und fort muss.
Nur noch wenige Kilometer in der Gegenwart. Sie denkt an die letzten ihrer Radreisen, von Udine nach Grado. An die Hitze und an die Salzringe auf ihrem pinkfarbenen Trikot. An die Bauarbeiter, die sie auf der einspurigen Straße in ihrer Ape unter „Bravo“- und „Ciao Bella“-Rufen eskortieren und den Verkehr blockieren. Und an den ersten Sprung ins Meer samt Klamotten. Die Folgetage Strandurlaub tun ihr gut. Nichts müssen, nur können. Schön, denkt sie noch, während der Bus auf den Parkplatz rollt, auf dem ihr Vater schon auf sie wartet. Agathe Paglia