Mont Ventoux – der Erbarmungslose

Erfahrunbgsbericht über die Fahrt auf den legendären Riesen der Provence

von Jakob Jung

Es ist Mitte Oktober. Während der Herbst in Deutschland bereits angeklopft und neben einem farbenfrohen Gewand auch nass-kaltes Wetter mitgebracht hat, ist es in der Provence im Süden Frankreichs noch angenehm mild. Die Sonne scheint und das Thermometer gibt rund 20 Grad an, als wir uns gegen neun Uhr in Bédoin auf unsere Räder schwingen. Wir – das sind meine Freundin und ich. Für meine Freundin wird es heute die schwierigste Etappe ihrer noch jungen Rennrad-Karriere. Auf gerade einmal 54 Kilometern bezwingen wir fast 1.800 Höhenmeter. Wir haben eine Legende des Radsports vor dem Lenker. Wir fahren auf den Mont Ventoux.

Der Mont Ventoux ist ein einzigartiger Berg. Während die provenzalischen Alpen in Richtung des Rhone-Deltas und des Mittelmeers immer mehr abflachen, ragt er mit seinen 1.909 Metern verlassen und allein aus der Landschaft hervor. An guten Tagen ist der „Gigant der Provence“ mit seinem markanten weißen Gestein von hundert Kilometern Entfernung zu sehen. Die Kuppe des Berges ist kahl. Kaum ein Strauch wächst in der kargen Landschaft, die aussieht, als hätte sich ein Teil des Mondes in den französischen Süden verirrt. Es gibt mit Sicherheit schönere Anstiege, die man mit dem Rennrad bezwingen kann. Doch um kaum einen anderen Berg ranken sich so viele Radsport-Legenden wie um den Mont Ventoux, was ihn zum Mekka eines jeden Hobby-Radsportlers macht.

Drei Wege zum Gipfel

Drei Wege führen auf den Gipfel des Erbarmungslosen. Von Malaucène aus geht die Westrampe auf 20,9 Kilometern und einer Durchschnittssteigung von 7,5 Prozent auf den Gipfel. Zwar beginnt dieser Anstieg noch im Schatten des Waldes, doch die ersten Rampen und Serpentinen im zweistelligen Bereich fordern die Radfahrer bereits auf den ersten fünf Kilometern. Flacher und deutlich einfacher, sofern man am Mont Ventoux von einfach sprechen kann, führt die Ostrampe von Sault den Berg hinauf. Mit 25,4 Kilometern ist dieser Anstieg der längste, allerdings mit durchschnittlichen 4,8 Prozent Steigung auch der flachste. Vor allem auf den ersten 19 Kilometern bis zum Restaurant Chalet Reynard, das bereits auf 1.440 Meter liegt, bleibt man immer unter zehn Prozent Steigung. Ab dem Chalet Reynard ist man jedoch auf dem schwierigsten Teilabschnitt des Mont Ventoux, den man auch bei der bekanntesten Route, der Südrampe von Bédoin, befahren muss.

Wenn die Tour de France am Mont Ventoux Halt macht, dann wird der Berg meistens von der Südrampe in Angriff genommen. Zahlreiche Amateurfahrer eifern auf den 21,2 Kilometern ihren Idolen nach und quälen sich bei einer Durchschnittssteigung von 7,5 Prozent den Berg hoch. So auch wir. Der Anfang ist einladend. Durch Weinberge schlängelt sich die Straße langsam aber sicher den Berg hoch. Die Steigung beträgt noch keine fünf Prozent. Die Beine sind gut. Unsere Gesichter sind noch entspannt. Noch lachen wir. Nach rund fünf Kilometern ist jedoch Schluss mit lustig. Das verschlafene Dorf Saint-Estève läutet den knallharten Anstieg ein. Die nächsten zehn Kilometer führt die Straße durch einen Pinienwald. Viele kleine kurvige Rampen reihen sich aneinander. Nur noch selten fällt die Steigung unter zehn Prozent. Ab und zu tauchen auch mal deren 15 auf unseren Radcomputern auf. Flach wird es bis zum Gipfel nicht mehr. Der Zermürbungskampf hat begonnen.

Ein elend langer Kilometer

Immer wieder kommen uns Radfahrer entgegen und wünschen uns „Bonne Chance.“ Unsere Blicke sind aber meist auf den Boden gerichtet. Am rechten Straßenrand tauchen nach jedem Kilometer bemalte Steine auf. Sie sagen uns, wie lange es noch zum Gipfel ist. Allerdings zeigen diese Kilometer-Steine auch unerbittlich auf, wie unfassbar lange ein Kilometer sein kann. Vom Gipfel ist noch weit und breit nichts zu sehen.

Erstmals bestiegen wurde der Gipfel des Mont Ventoux 1336 vom italienischen Dichter Francesco Petrarca. Im Jahre 1951 gaben sich die Tour de France und der kahle Berg das erste Mal die Hand. Obwohl der Mont Ventoux seitdem erst 14 weitere Male bei „Le Grand Boucle“ auf dem Programm stand, hat er sich zu einem ihrer legendärsten Gipfel entwickelt. Mit dem Col du Galibier, dem Col du Tourmalet und dem Anstieg hinauf nach L’Alpe d’Huez gehört er zu den vier „heiligen Bergen“ der Frankreich-Rundfahrt. „Den Ventoux muss man sich herbeisehnen. Deshalb darf er nur selten Teil der Tour sein“, sagte einst Tourdirektor Christian Prudhomme. Tatsächlich wurde L’Alpe d’Huez fast doppelt so häufig befahren wie der Mont Ventoux.

Nach 15 Kilometern erreichen wir das Chalet Reynard. Viele Fahrradfahrer legen hier eine kleine Pause ein. Sie mobilisieren hier für die letzten sechs Kilometer noch einmal alle Kräfte, auf denen noch gut ein Drittel der Höhenmeter zu bewältigen sind. Ab dem Restaurant fahren wir auf dem Mond. Den Pinienwald haben wir hinter uns gelassen. Hier oben wächst kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm mehr. Die letzten sechs Kilometer sind eine einzige kahle Geröllwüste, die von einer Straße durchzogen wird, die unaufhaltsam nach oben führt.

Auf Freude folgt Demut

Kurz nach dem Chalet Reynard trennen sich die Wege von meiner Freundin und mir. Die ungleichmäßigen Rampen haben ihren Tribut gefordert. Ab jetzt fährt jeder sein eigenes Tempo. Ich hänge mich an eine Gruppe Niederländer ran. Für einige hundert Meter den Windschatten der älteren Herrschaften, ehe ich aus dem Sattel gehe und an ihnen vorbeiziehe. Und dann endlich ist er da – der Gipfel. Nach einer Rechtskurve sehe ich zum ersten Mal den weißen Turm mit der gestreiften Antenne. Der kurzen Freude folgt die Demut. Bis dahin wird es nämlich nochmal verdammt steil. Wie ein Damoklesschwert ragt der Gipfel über mir. Ich wäre nicht der Erste, der so kurz vor dem Ziel kapitulieren muss.

Am deutlichsten wird das zwei Kilometer vor dem Ziel: Im Jahre 1967 kam hier der Brite Tom Simpson während einer Tour de France-Etappe ums Leben. Der gerade einmal 29-Jahre alte Radprofi kollabierte am Anstieg des Ventoux und starb noch an Ort und Stelle. Bei der Obduktion fand man in Simpsons Blut Spuren von Alkohol und Amphetaminen. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Setzt mich zurück auf’s Rad.“ An der Unglücksstelle steht heute ein Denkmal, das Tom Simpson auf seinem Fahrrad zeigt. Es ist heute so etwas wie eine Pilgerstätte für Amateur-Radfahrer. Viele halten hier kurz an und legen eine Radmütze oder eine Trinkflasche auf die Stufen des Denkmals.

So hässlich der Turm auf dem Gipfel des Mont Ventoux auch ist, so spektakulär ist die Aussicht. Aufgrund seiner exponierten Lage kann man hier schier unendlich in alle Himmelsrichtungen blicken. An guten Tagen erstreckt sich der Blick von den Alpen über Avignon, das Rhone-Delta, die Mittelmeerküste bis hin zu den Pyrenäen. Klar, man kann hier auch mit dem Auto hochfahren. Allerdings erlebt man dieses 360-Grad-Panorama nach so einer Schufterei auf dem Rennrad anders. Meine Freundin kommt ein paar Minuten nach mir auf dem Gipfel an. Über ihr Gesicht kullern ein paar Tränen. Die ersten vor Anstrengung, der Rest vor Freude. Nach dem obligatorischen Gipfelbild ziehen wir unsere Windjacken an und machen uns auf den Weg nach Malaucène. 21 Kilometer bergab – Genuss pur.

Infos

Da der Gipfel des Mont Ventoux im Winter auch oft schneebedeckt ist, bietet sich eine Befahrung mit dem Rennrad von Frühling bis Spätherbst an. Die schönste und angenehmste Zeit ist allerdings im Frühling und Herbst. Im Sommer kann es aufgrund der kargen Landschaft auf der Kuppe zu Temperaturen über 40 Grad geben. Bédoin lohnt sich als Ausgangspunkt für jede der drei Befahrungen. Hier gibt es nicht nur viele Radcafés, in denen man sich mit Gleichgesinnten austauschen kann, sondern es gibt auch zahlreiche Radläden, bei denen man sich ein Rennrad für einen oder mehrere Tage ausleihen kann. Von Bédoin nach Malaucène gelangt man am besten über den Col de la Madeleine, ein 6,5 Kilometer langer und flacher Anstieg, bei dem man die Beine für den Mont Ventoux gut warmfahren kann. Eine der landschaftlich schönsten Strecken ist der Abschnitt zwischen Bédoin und Sault. Über Flassan fährt man durch Weinberge bis Villes-sur-Auzon. Von dort aus gelangt man zur Gorges de la Nesque, eine der spektakulärsten Straßen, die man mit dem Rennrad befahren kann. Rund 18 Kilometer schlängelt sich die Tour bei einer durchschnittlichen Steigung von gerade einmal 2,5 Prozent durch die Schlucht, bei der man auch durch einige in den Felsen geschlagene Naturtunnel fährt. Von dort aus geht es durch duftende Lavendelfelder nach Sault.

Mehr zum Mont Ventoux und zur Region unter www.ventouxprovence.fr