Genug von hektischen Großstädten, Verkehrschaos und Fußgänger-Slalom an den Wochenenden? Hier gibt es die Lösung: Endlose Mischwälder, weite Hochebenen – und weit und breit kein Mensch. Das Bikepacking-Paradies liegt näher, als viele vermuten – rund 100 Kilometer westlich von Stuttgart.
Der Pfälzerwald auf deutscher Seite und die Nordvogesen in Frankreich bilden das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas und sind ein Traum für Radfahrer jedweder Couleur.
Unser Plan: eine Durchquerung von Nord nach Süd, verbunden mit einer Befahrung der Route des Crêtes, der Kammstraße in den Südvogesen mit Ziel Mulhouse.
Ab in die weiten Wälder
Es wird eine Reise durch faszinierende, teils einsame Natur, die uns fordert und dennoch von Anfang bis Ende jede Menge Spaß bereitet – und zugleich durch die wechselvolle deutsch-französische Geschichte. Fernab der Zivilisation bekommen wir es mit knurrenden Mägen zu tun und finden unverhofft Obdach im Gasthof mit Spitzengastronomie.
Wir genießen fantastische Ausblicke, fahren durch jede Art von Wetter, schwitzen, frieren und haben nach vier Tagen auf dem Fahrrad mehr erlebt als viele auf einer mehrwöchigen Flugreise. Also ab ins Abenteuer: wir – das sind Katja, Hannes, Fotograf Ben und der Autor – starten am Bahnhof Winden in der Pfalz. Der ist aus Böblingen/Sindelfingen über Stuttgart mit S- und Regionalbahn problemlos zu erreichen. Unterkunft und ein fixes Ziel für Tag 1 haben wir nicht – aber Zelt und Schlafsack für alle Fälle im Gepäck.
Unterwegs sind wir auf Gravelbikes des Reiserad-Experten Velotraum aus Weil der Stadt. Die sind schnell, komfortabel und vor allem enorm zuverlässig. Eine ideale Wahl für die teils ruppigen Schotterpisten des Wasgaus. Los geht es relativ eben, überwiegend auf landwirtschaftlichen Wegen, vorbei an Feldern und durch lichten Wald. Nach gut 16 Kilometern sind wir in Frankreich und radeln noch ganz entspannt durch das wunderbare elsässische Städtchen Wissembourg.
Keine Stunde unterwegs, begehen wir den ersten Fehler: wir kehren nicht ein. Weder beim Bäcker noch in einem der zahlreichen Restaurants. „Wir holen uns später was“, so die einhellige Meinung. Schließlich wollen wir noch Kilometer machen.
Im Schwarzwald wäre der Plan vermutlich aufgegangen, nicht aber in den einsamen Wäldern der Nordvogesen – vor allem nicht während der französischen Sommerferien. Nach den ersten Kletter-Passagen im Wald und rund 35 Kilometer Strecke rollen wir durch Lembach, ein elsässisches Bilderbuch-Örtchen. Hier meldet sich der erste Hunger – aber der Bäcker hat geschlossen. Supermarkt? Fehlanzeige. Restaurant? Sommerpause. Ganz Frankreich ist im August am Meer. Kein Drama, gemeinsam bekommen wir mit Gummibärchen, Brezel und Riegeln ausreichend Kalorien für alle zusammen.
Weiter geht’s durch den regionalen Naturpark Nordvogesen. Die seltenen Weiler werden immer noch kleiner. Die Route ist ein ständiges Auf und Ab. Wir fahren vorwiegend auf Schotterpisten, teils auf einfachen Trails und einige Kilometer auf Asphalt. Wald, Hochebenen und rote Sandsteinfelsen wechseln sich ab – eine ganz spezielle Landschaft. Wir haben inzwischen knapp 80 Kilometer und knapp 1000 Höhenmeter in den Beinen. Das Thema Übernachtung macht uns keine Sorgen, aber unsere Essensvorräte sind am Ende. Wir hatten mit wenig Infrastruktur gerechnet – aber nicht mit einer so schwierigen Versorgungslage.
Die nächste Übernachtungsmöglichkeit mit Restaurant zeigt die App in gut 20 Kilometern in Graufthal an. Zum Glück gibt es in Frankreich auch im abgelegensten Waldstück ein vernünftiges Datennetz. Au Vieux Moulin heißt die Unterkunft. Ein Anruf, die Zusage für vier Betten und die Bestätigung, dass auch das Restaurant geöffnet ist, wirken wie ein Turbo auf den letzten Kilometern durch den Wald – garniert wird die erste Etappe von einer rasanten Schotter-Abfahrt. Wir beziehen müde und hungrig das Zimmer und ziehen eine erste Bilanz: „Einfach direkt um die Ecke, mitten im Nirgendwo, so abenteuerlich in schönster Natur unterwegs zu sein, hätte ich so nicht erwartet“, sagt Katja nach der ersten Etappe.
Gourmet-Küche für ausgehungerte Bikepacker
Doch es wartet noch eine weitere Überraschung, die erklärt, weshalb unsere Gastgeberin bei der Buchung zunächst eine Weile nach einem Tisch im Restaurant suchen musste. Die Alte Mühle von Küchenchef Guillaume Kessel besitzt zwei Gault & Millau-Hauben und eine Erwähnung im Guide Michelin. Von halb verhungert im Wald unverhofft zur französischen Spitzengastronomie – herrlich.
Das Essen ist vorzüglich. Wir können unser zufriedenes Grinsen kaum verbergen und zelebrieren jeden Gang, sind nicht nur begeisterte Radler, sondern lieben auch gutes Essen. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Auch beim Bikepacking. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen liegt der Genuss wieder schwerpunktmäßig auf der Strecke. Heute ist das Tagesziel klar: Ban-de-Sapt. Dort warten bequeme Betten und ein Grillabend bei Velotraum-Chef Axel Keller.
Bis dahin ist es aber noch weit. Die Etappe hat es mit 92 Kilometern, 1700 Höhenmetern und unterschiedlichstem Untergrund in sich. Diesmal sind wir in Sachen Verpflegung schlauer und decken uns im kleinen Supermarkt in Phalsbourg mit jeder Menge Essen ein. Mit Baguette am Oberrohr, Bananen in den Trikottaschen, Gummibärchen samt Nüsschen in der Food Pouch, Obst, Käse, Paprika und Avocado in den weiteren Taschen am Rad, sollte uns der Hungerast heute nichts anhaben können.
Die Route hat wieder jede Menge zu bieten. Die ersten 20 Kilometer geht es zunächst leicht hügelig, dann flach entlang des Marne-Rhein-Kanals. Hier gibt es zur Abwechslung einige Bootstouristen zu bewundern, die ihre schwimmenden Behausungen in die Schleusen und wieder hinaus bugsieren. Schnell verabschieden wir uns vom Wasser und biegen wieder in den Wald ab. Hier warten über 600 Höhenmeter am Stück.
Vom Kanal in den Urwald
Der Wald wird immer dichter und verwunschener. Außer uns weit und breit kein Mensch. Farne und Moosteppiche begleiten den Anstieg, unterbrochen werden die Grüntöne von den roten Sandsteinfelsen und dem Grau des geschotterten Weges – sofern er nicht halb zugewachsen ist. So oder so ähnlich müssen unsere Wälder vor Urzeiten ausgesehen haben. Die Etappe ist fordernd aber traumhaft schön. Wir sind dankbar für die gute Untersetzung und die relativ breiten Reifen unserer Gravelbikes. Die lassen mit entsprechend niedrigem Luftdruck auch den gröberen Vogesen-Schotter nicht zur Qual werden.
Nach gut 40 Kilometern ist Zeit für eine Pause. Ein schattiges Plätzchen, Natursteine als Sitzgelegenheit und unser Einkauf garantieren Picknick-Genuss vom Feinsten. Nicht ganz so edel wie am Vorabend aber in diesem Moment genau das Richtige. Das gibt Kraft für den zweiten Teil unseres Tagespensums.
Inzwischen sind wir auf den Höhen der Nordvogesen angekommen, der Col du Donon kommt immer näher. Der Wald wird lichter, was uns wunderbare Blicke über die Höhenzüge ermöglicht.
Kurz vor dem Donon geht es noch mal bergab – die Bikes fliegen über den Schotter, und mit uns vorbei an unserer Route. Bis uns der Verhauer auffällt, sind wir schon 150 Höhenmeter zu weit unten – südlich, statt nördlich des Donon-Gipfels. Halb so wild. Über die D392 schrauben wir uns wieder nach oben bis zum Col. Der ist zwar nur 727 Meter hoch, bietet aber eine grandiose Aussicht und markiert die Grenze zwischen dem Elsass und Lothringen.
Weiter geht es zunächst noch 50 Höhenmeter bergauf - vorbei am Soldatenfriedhof mit Gedenkstätte, die an die Schlacht am Donon aus dem 1. Weltkrieg erinnert. Auf der gesamten Strecke werden wir an die dunklen Zeiten der deutsch-französischen Geschichte erinnert. Die sind zum Glück lange vorbei. So langsam macht sich die Anstrengung bemerkbar. Die Beine werden schwerer, das Tempo niedriger – und obwohl die größten Anstiege des Tages bewältigt sind, warten noch einige steile Rampen auf uns. Das typische Auf und Ab der Mittelgebirge kann einem auf unnachahmliche Weise den Stecker ziehen. „Auf jeden Fall anstrengender als so mancher Alpenpass“, sagt Katja, die auch schon Norwegen mit dem Rad durchquert hat.
Noch ein paar Kilometer bis Ban-de-Sapt. Hier wartet heute ein Grillabend auf das inzwischen wieder ausgehungerte Quartett. Velotraum-Chef Axel Keller wartet in seiner zweiten Heimat auf die Truppe und beschert uns den nächsten perfekten Abend. Bei einem self-supported Bikepacking-Rennen wären wir spätestens jetzt disqualifiziert worden.
Dunkle Wolken am Horizont
Beim Rennen sind wir nicht, aber auch nicht auf einem Spaziergang, denn der Wetterbericht für den Folgetag verheißt nichts Gutes. Vor allem nicht für unsere Strecke, die uns in die Südvogesen und auf die berühmte Route des Crêtes – die Vogesenkammstraße - führt. Unser angepeiltes Ziel heute: Le Markstein auf gut 1200 Meter Höhe.
Insgesamt warten knapp 90 Kilometer und über 2000 Höhenmeter auf uns. An schönen Tagen bietet die Route majestätische Blicke über die Vogesen, in den Schwarzwald und die Rheinebene. Heute reicht die Sicht bei einem Wechsel aus Nebel, Regengüssen und peitschendem Wind gerade einmal bis zum nächsten Begrenzungspfosten.
Die Temperatur auf über 1000 Meter sinkt mit dem beißenden Wind stetig, wir sind trotz guter Kleidung nass bis auf die Haut und frieren wie die Schneider. Am Col de La Schlucht gibt es einen großen Kaffee und eine Tarte Myrtille zur Stärkung. Wir entscheiden uns für eine Planänderung. Wir haben ausreichend Zeit für einen zusätzlichen Tag und fahren ab Richtung Münstertal. Komplett durchgefroren machen wir Halt am Käsemuseum „Maison du Fromage“ in Gunsbach, wärmen uns auf und tauchen mit allen Sinnen in die Welt der regionalen Käsetraditionen ein.
In Mittlach erreichen wir einen Campingplatz, genießen die warme Dusche und danach eine exzellente Pizza. Hier im Tal ist es nach dem Wetter-Inferno auf der Kammstraße relativ angenehm. Tags darauf geht es weiter. Das Wetter ist noch nicht gut – aber bedeutend besser. Es folgt der zweite Anlauf auf Le Markstein. Hier endet in diesem Jahr die 14. Etappe der Tour de France, die am 18. Juli in Mulhouse startet. Ganz so schnell sind wir nicht unterwegs. Zunächst gilt es wieder zurück zum Col de la Schlucht zu kommen: 27,3 Kilometer und 820 Höhenmeter sind es vom Campingplatz zurück auf die Route. Perfektes Klettertraining. Blieben noch rund 200 Höhenmeter und 22 Kilometer auf der Route des Crêtes. Nebelreste und Windböen zaubern eine ganz besondere Stimmung, auch wenn uns das ganz große Panorama noch nicht vergönnt ist.
Auf der Straße rollt es exzellent und das Wetter wird immer besser. So gut, dass man beispielsweise am Aire de Bivouac übernachten kann. Der Biwakplatz am Markstein besteht aus drei Holzplattformen, auf denen Zelte auf trockenem, ebenem Untergrund aufgestellt werden können und einer Bio-Toilette. Wer keine Lust auf Kochen hat, findet nebenan in der Ferme Auberge du Markstein beste elsässische Küche. Nach einem Glas Gewürztraminer ist die entsprechende Bett-, respektive Biwak-Schwere erreicht.
Am nächsten Morgen weckt uns die Sonne. Wir sind bereit für die letzte Etappe. Nach sieben aussichtsreichen Kilometern erreichen wir die Passhöhe am Grand Ballon auf 1325 Meter – den höchsten Punkt unserer Vogesen-Tour. Grund genug im Souvenirshop einen Kilometerstein als Andenken zu kaufen. Zugegeben: vom 2770 Meter hohen Col de l’Iseran sind wir noch weit entfernt, aber der kann ja später zur Sammlung dazukommen.
Wir genießen den Blick über die Höhenzüge der Vogesen, über Wälder und Weideflächen bis in die Rheinebene. Der stramme Wind vertreibt die letzten Wolken und wir machen uns auf die letzten Kilometer Richtung Mulhouse – tendenziell bergab, mit einem Zwischenanstieg von rund 100 Höhenmetern vor Cernay. Die Strecke bis in die historische Altstadt von Mühlhausen ist purer Genuss. Auch durch die Stadt rollt es sich entspannt. Auf dem wunderschönen Markt von Mühlhausen am Quai de la Cloche lassen wir unsere Tour ausklingen – stilecht bei einem Glas Crémant d‘Alsace.
Das Fazit:
Die Tour durch Nord- und Südvogesen ist ein echtes Abenteuer vor der Haustür. Abwechslungsreiche Landschaften, exzellente Küche, einsame Natur, verwunschene Wälder, aussichtsreiche Kammstraßen und historische Städte. Mehr Abwechslung, mehr Erlebnis geht in vier Tagen kaum. Die Strecke ist wegen der vielen Höhenmeter fordernd. Dabei lässt sich der Grad des Abenteuers je nach Geschmack mit der Wahl der Übernachtung variieren.